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News · 23. September 2026

Merz und die private Krankenversicherung: Was die Debatte für Sie bedeutet, wenn Sie in die PKV wollen

Am 21. September hat der Bundeskanzler das Nebeneinander von PKV und GKV ein „Gerechtigkeitsproblem“ genannt, am selben Abend wurde ein Kurswechsel dementiert. Was daraus folgt, wenn Sie über eine private Krankenversicherung nachdenken, und was heute noch niemand weiß.

Von Kai Stockschlaeder · Versicherungsmakler §34d GewO · über 20 Jahre Erfahrung · Zuletzt geprüft: 23.09.2026
Kurz gesagt: Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Montag, 21. September 2026, das Nebeneinander von PKV und GKV ein „Gerechtigkeitsproblem“ genannt und Gespräche darüber angekündigt. Noch am selben Abend stellte ein Regierungssprecher klar, der Kanzler habe das System nicht infrage gestellt, und aus dem Kanzleramt hieß es, weder Zusammenlegung noch Abschaffung der PKV seien geplant. Für Interessenten folgt daraus weder ein Grund zur Eile noch einer zur Entwarnung: Konkret angekündigt ist nur eine Regelung, die nachgeholt werden soll und deren Inhalt offen ist.

Was Merz gesagt hat und wie es weiterging

Montag, 21. September, nach den Sitzungen der CDU-Gremien in Berlin. Anlass war der Eindruck, Privatversicherte bekämen sofort Termine, gesetzlich Versicherte müssten Wochen warten. Merz nannte das Nebeneinander ein „Gerechtigkeitsproblem“: „…dann müssen wir daran etwas ändern, und genau darüber werden wir reden.“ (ZDFheute, 21.09.) Konkret wurde er nur an einer Stelle: Die „wirkungsgleiche Übertragung“ der GKV-Entscheidungen auf die PKV, die er dem Koalitionsvertrag zuordnet, sei bisher nicht umgesetzt und werde nachgeholt. Details nannte er nicht (Deutsches Ärzteblatt, 21.09.).

Einen Tag zuvor hatte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern 4,9 Prozent erreicht, in Berlin 18,8 Prozent (Cash., 22.09.). Der zeitliche Zusammenhang ist Fakt, ein ursächlicher Zusammenhang eine Deutung.

Montagabend. Ein Regierungssprecher sagte den Funke-Zeitungen: „Der Bundeskanzler hat das System der Krankenversicherung nicht infrage gestellt.“ (ZDFheute, 21.09.) Aus dem Kanzleramt hieß es, weder Zusammenlegung noch Abschaffung der PKV seien geplant (Cash., 22.09.). Dienstag und Mittwoch. Die SPD signalisierte Unterstützung, der VdK fordert eine Bürgerversicherung (Cash., 22.09.); der PKV-Verband widersprach schon am Montag scharf und verwies auf das CDU-Grundsatzprogramm (PKV-Verband, 21.09.), er vertritt die privaten Versicherer.

Was nicht passiert: keine Abschaffung, keine Bürgerversicherung, keine Zusammenlegung

Das Kanzleramt sagt es ausdrücklich (Cash., 22.09.), und die Unionsspitzen stützen es: Fraktionschef Thorsten Frei und Generalsekretärin Franziska Hoppermann nennen das duale System nicht verhandelbar. CSU-Chef Markus Söder wurde deutlicher: „Die Bürgerversicherung ist mit uns völlig unvorstellbar.“ (Monitor Versorgungsforschung, 23.09.) Der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger hält eine Abschaffung für praktisch wie verfassungsrechtlich äußerst schwierig; sie verkürze keine Wartezeit (Cash., 22.09.). Nach den vorliegenden Meldungen ist zu einer Bürgerversicherung nichts beschlossen oder verabredet. Ein Dementi ist keine Garantie für die Zukunft, aber es ist die aktuelle Beleglage.

Was die PKV dem Gesundheitssystem bringt

Das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP), das dem PKV-Verband nahesteht, beziffert es so: Privatversicherte lösen einen Mehrumsatz von 15,52 Milliarden Euro aus (2024, plus 7,3 Prozent zum Vorjahr). Gemeint ist das Geld, das Leistungserbringer mehr erlösen als bei Vergütung nach GKV-Sätzen; es fehlte dem System ohne PKV. Davon entfallen 8,76 Milliarden Euro auf niedergelassene Ärzte, im Schnitt 82.171 Euro je Praxis und Jahr. Privatversicherte sind 10,5 Prozent der Bevölkerung, aber 21,8 Prozent der Praxiseinnahmen (WIP-Jahresbericht 2026, Berichtsjahr 2024; PKV-Verband, 03.03.2026).

Für 2023 weist das WIP zudem 3,02 Milliarden Euro bei Zahnärzten, 1,07 Milliarden bei Arznei- und Verbandmitteln und 1,10 Milliarden bei Heilmitteln aus (WIP-Analyse 2025). Für 70 Prozent der befragten Ärzte sind Privathonorare wichtig für den Praxisbetrieb (WIP-Ärztebarometer 2025, über 400 Befragte). Die Alterungsrückstellungen lagen Ende 2025 bei rund 357 Milliarden Euro, aufgebaut von den Versicherten selbst für ihre Gesundheitskosten im Alter (PKV-Verband, 10.06.2026, Rechenschaftsbericht 2026).

Die Schlussfolgerung: Wer die PKV schwächt, nimmt den Praxen Geld, das ohne Ausgleich fehlt, und schafft dadurch keinen zusätzlichen Termin für gesetzlich Versicherte. Letzteres sagt auch Pilsinger (siehe oben). Es sind Zahlen eines PKV-nahen Instituts, sie sind hier ausdrücklich so gekennzeichnet.

Was realistisch kommen kann

Die „wirkungsgleiche Übertragung“. Merz beruft sich auf den Koalitionsvertrag. Den Wortlaut konnten wir nicht belegen; ein Ärzteblatt-Überblick zum Vertrag (09.04.2025) erwähnt sie nicht. Der Inhalt ist offen. Betrifft: offen, ob Neukunden, Bestandskunden oder beide.

Terminvergabe. Der Koalitionsausschuss hat Anfang Juli Erleichterungen bei der Terminvergabe beschlossen (Ärzteblatt, 22.09.). Laut Tagesspiegel (14.09.) soll die Wartezeit auf Facharzttermine von durchschnittlich 36 auf 21 Tage sinken, dazu kommt ein Primärarztsystem; ein Gesetzentwurf liegt nicht vor. Betrifft: gesetzlich Versicherte. Privatversicherte kommen in diesen Berichten nicht vor.

Finanzausgleich in der Pflege. Die SPD fordert einen Finanzausgleich zwischen sozialer und privater Pflegeversicherung samt Übertragung von Alterungsrückstellungen (Monitor Versorgungsforschung, 22.09.). Der PKV-Verband lehnt das ab und hält es für verfassungswidrig, gestützt auf Gutachten von Prof. Hanno Kube (2022, 2025) (PKV-Verband, 10.09.). Betrifft: offen. Alterungsrückstellungen gehören zu bestehenden Verträgen; ein Modell, das sie einbezieht, würde Bestandskunden berühren. Ob und wie, sagt keine Quelle.

Einordnung: eine alte Debatte und die Frage nach den Verträgen

Wiederkehrendes Wahlkampfthema. Über eine Bürgerversicherung wird seit Jahren vor Wahlen und Regierungsbildungen gestritten. 2005 wurde sie im Bundestagswahlkampf diskutiert, 2013 brachten SPD, Grüne und Linke sie ein (Deutsches Ärzteblatt 35–36/2013). 2017 forderte die SPD in ihrem Wahlprogramm eine paritätische Bürgerversicherung samt Pflege (Bundestag, WD 9 – 3000 – 058/17), und sie war Ende 2017 eines der großen Streitthemen vor den Sondierungen (Ärzteblatt, 28.12.2017). Im Januar 2018 einigten sich Union und SPD, sie in den kommenden vier Jahren nicht anzustreben (Ärzteblatt 3/2018). Im Koalitionsvertrag vom Februar 2018 taucht das Wort nicht auf; vereinbart wurde eine wissenschaftliche Kommission zur Honorarordnung, die bis Ende 2019 Vorschläge vorlegen sollte (Ärzteblatt, 07.02.2018). Sie wurde im August 2018 eingesetzt (BMG, 22.08.2018), ihr Bericht trägt das Datum Dezember 2019 (BMG). 2021 (krankenkasseninfo.de) und 2025 wollten SPD und Grüne erneut einen „neuen Anlauf“ (AOK, 17.12.2024). Eingeführt wurde sie nie, das duale System besteht bis heute.

Verträge sind Verträge. Bestehende PKV-Verträge sind privatrechtliche Verträge. Nach einer Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags (WD 3 – 3000 – 486/10, 21.12.2010, S. 31–33) ist die Verfassungsmäßigkeit einer Bürgerversicherung „sehr umstritten“. Nach überwiegender Auffassung in der Literatur verletzt ein Eingriff in bereits bestehende PKV-Verträge samt Alterungsrückstellungen die Eigentumsgarantie (Art. 14 GG); anders sehen die Autoren es, solange nur neue Geschäfte betroffen sind und bisherige Verträge unangetastet bleiben. Das Bundesverfassungsgericht hat die PKV mehrfach als regulierbar bestätigt, etwa beim Basistarif (BVerfG, 10.06.2009, 1 BvR 706/08 u. a.), und das Nebeneinander von sozialer und privater Pflegeversicherung gebilligt (BVerfG, 03.04.2001, 1 BvR 2014/95). Gesundheitsökonom Boris Augurzky sagt, ein schnelles Ende der PKV sei kaum möglich, weil bestehende Verträge weiterlaufen müssten (Monitor Versorgungsforschung, 23.09.). Das ist der Stand der Fachdiskussion, keine Rechtsberatung.

Kommentar · Meine Einschätzung

Ich verdiene an der PKV, das lege ich offen (Womit ich mein Geld verdiene). Gerade deshalb bleibe ich bei dem, was sich belegen lässt. Dass gesetzlich Versicherte im Alltag oft länger auf Termine warten, bestreite ich nicht. Die Wartezeiten entstehen nach meiner Einschätzung im GKV-System selbst, in Kapazitäten, Budgets und Verteilung, und nicht dadurch, dass etwa ein Zehntel der Bevölkerung privat versichert ist. Die Koalition setzt mit Primärarztsystem und Termingarantie selbst bei der GKV an. Das duale System trägt die Praxen finanziell, auch wenn die Zahlen dazu von einem PKV-nahen Institut stammen. Wer es ändern will, muss sagen, wer die gut 15 Milliarden Euro ersetzt. Mir ist bisher kein Vorschlag bekannt, der das beantwortet. Das ist meine Meinung, kein Beleg.

Was das für Ihre Entscheidung heißt

Die Grundfrage bleibt dieselbe wie vor dem 21. September: Wie entwickeln sich die Beiträge im Alter (Warum steigen PKV-Beiträge im Alter?), was leistet der Tarif im Vergleich zur GKV (PKV oder GKV? Der ehrliche Vergleich), komme ich später zurück (Zurück in die GKV), und was bedeutet es für meine Familie? Politische Veränderung ist ein Risiko, das es bei einer Entscheidung für Jahrzehnte immer gab, kein neues. Wer aus Angst vor der Politik abschließt, entscheidet falsch; wer aus Angst vor der Politik verzichtet, auch. Wer seine eigene Lage durchrechnen möchte, kann das im Beratungsgespräch tun, ohne Zeitdruck.

Was wir nicht wissen

Stand: 23. September 2026. Wir aktualisieren diesen Beitrag, sobald konkrete Inhalte vorliegen, und ändern dann das Datum unter „Zuletzt geprüft“.

Häufige Fragen

Wird die PKV abgeschafft?

Nach heutigem Stand nicht. Aus dem Kanzleramt hieß es, weder Zusammenlegung noch Abschaffung der PKV seien geplant, und Unionsspitzen nennen das duale System nicht verhandelbar. Ein konkretes Vorhaben ist nach den vorliegenden Meldungen nicht bekannt.

Was passiert mit meinem bestehenden Vertrag?

Nach heutigem Stand nichts, denn es liegt kein beschlossenes Vorhaben vor. Bestehende PKV-Verträge sind privatrechtliche Verträge; Gesundheitsökonom Boris Augurzky sagt, sie müssten weiterlaufen, ein schnelles Ende der PKV sei kaum möglich. Was eine künftige Reform im Einzelnen vorsähe, lässt sich heute nicht sagen.

Sollte ich jetzt schneller abschließen?

Aus dieser Debatte allein folgt das nicht. Es gibt kein beschlossenes Vorhaben und damit keinen Grund zur Eile; ebenso wenig ist es ein Grund zu verzichten. Entscheidend bleiben Beitragsentwicklung im Alter, Leistungsniveau, Rückkehrmöglichkeit und Familie.

Kommt die Bürgerversicherung?

Beschlossen oder verabredet ist dazu nichts. CSU-Chef Söder nennt sie „völlig unvorstellbar“, die SPD signalisiert Unterstützung für Merz’ Vorstoß, der VdK fordert sie. Als Wahlkampfthema gibt es sie seit Jahren, eingeführt wurde sie nie.

Was bedeutet „wirkungsgleiche Übertragung“?

Merz zufolge steht im Koalitionsvertrag, Entscheidungen der gesetzlichen Krankenversicherung würden wirkungsgleich auf die PKV übertragen; das sei bisher nicht umgesetzt und werde nachgeholt. Den Vertragswortlaut konnten wir nicht belegen, Inhalt und Zeitplan sind offen.

Was würde Arztpraxen ohne Privatpatienten fehlen?

Nach Berechnung des PKV-nahen WIP für 2024 rund 15,52 Milliarden Euro Mehrumsatz, davon 8,76 Milliarden bei niedergelassenen Ärzten, im Schnitt 82.171 Euro je Praxis und Jahr. Privatversicherte sind 10,5 Prozent der Bevölkerung, aber 21,8 Prozent der Praxiseinnahmen. Für 70 Prozent der befragten Ärzte sind Privathonorare wichtig für den Praxisbetrieb.

Quellen und weitere Fundstellen: Die wörtlichen Zitate haben wir gegen ZDFheute, Ärzteblatt und Monitor Versorgungsforschung geprüft; alle Zahlen stehen an der jeweils genannten Stelle.

Passend dazu: PKV oder GKV? Der ehrliche Vergleich und Warum steigen PKV-Beiträge im Alter?

Kai Stockschlaeder
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Versicherungsmakler §34d Abs. 1 GewO · seit über 20 Jahren PKV-Beratung
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