News · 11. September 2026
1,1 Milliarden Euro in Gefahr: Wie Krankenkassen Beitragsgelder verspekuliert haben
Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung zeigen: Etliche gesetzliche Krankenkassen haben Beitragsgelder in riskante Fonds und zweifelhafte Darlehen gesteckt. Die Bundesregierung nennt jetzt erstmals eine mögliche Schadenssumme.
Was ist passiert?
Auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag hat die Bundesregierung erstmals eine mögliche Schadenshöhe genannt: Das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) beziffert das Risiko bei den von ihm beaufsichtigten, bundesweit tätigen Krankenkassen auf rund 1,1 Milliarden Euro. Wichtig für die Einordnung: Das ist ein mögliches Risiko, kein bereits eingetretener Verlust. Die Summe stammt aus Anlagen, die als „leistungsgestört" eingestuft wurden – das bedeutet, die erwartete Rendite wird deutlich verfehlt oder es droht im schlimmsten Fall ein Totalausfall.
Konkret haben zwölf Krankenkassen rund 900 Millionen Euro in Schuldscheindarlehen investiert, die inzwischen als leistungsgestört gelten, elf weitere Kassen zusätzlich 200 Millionen Euro in ebenfalls leistungsgestörte Inhaberschuldverschreibungen. Ein Teil dieser Gelder floss laut den Recherchen von NDR, WDR und SZ in die Immobilienfonds Verius II und Verius III, die inzwischen in Schieflage geraten sind. Bereits im Sommer 2026 war bekannt geworden, dass dabei mindestens 170 Millionen Euro tatsächlich verloren gingen; mindestens 17 Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen hatten in die Verius-Produkte investiert.
Was steckt dahinter?
Ein Beispiel aus den Recherchen zeigt, wie es dazu kommen konnte: Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, die ihre Anlagen aufarbeiten ließ, stießen Prüfer auf ein Darlehen über 30 Millionen Euro für ein Grundstück, das zum damaligen Zeitpunkt nur rund eine Million Euro wert gewesen sein soll. Der Rechtsanwalt André Große Vorholt, der den Vorgang für die KVWL aufarbeitet, zieht ein klares Fazit: „Die KVWL hätte als SGB-Investorin aus regulatorischen Gründen niemals in den Verius-Fonds investieren dürfen." Eigentlich gelten für Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen strenge Anlagerichtlinien, die nur risikoarme Investments erlauben. Wie einzelne Kassen diese Vorgaben dennoch umgehen konnten, wird derzeit von Bundes- und Landesbehörden untersucht. Der tatsächliche Schaden dürfte zudem höher liegen als die genannten Zahlen: Das BAS beaufsichtigt nur 58 der insgesamt 93 gesetzlichen Krankenkassen, regional tätige Kassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen fallen nicht in seine Zuständigkeit.
Was bedeutet das für dich, wenn du über die PKV nachdenkst?
Ehrlich eingeordnet, ersetzt dieser Fall keine Grundsatzentscheidung zwischen GKV und PKV – Fehlinvestments einzelner Kassen sind etwas anderes als ein strukturelles Argument gegen das Umlageprinzip. Trotzdem zeigt er einen echten Systemunterschied: PKV-Beiträge bauen für jeden Vertrag eine eigene Alterungsrückstellung auf, deren Kapitalanlage nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) reguliert und von der BaFin beaufsichtigt wird – mit eigenen, engeren Anlagevorschriften als bei den Krankenkassen. Das heißt nicht, dass in der PKV nichts schiefgehen kann, sondern nur, dass die aufsichtsrechtlichen Leitplanken an dieser Stelle anders und enger gezogen sind. Wer die beiden Systeme grundsätzlich vergleichen will, findet das in PKV oder GKV? Der ehrliche Vergleich.
Meine Einschätzung
Fakt: Die Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen sowie aus den Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, die tagesschau.de veröffentlicht hat.
Einordnung: Die 1,1 Milliarden Euro sind ein Risikowert, kein feststehender Verlust – ein wichtiger Unterschied, der in der öffentlichen Debatte leicht untergeht. Gleichzeitig zeigen die bereits bestätigten Verluste bei den Verius-Fonds, dass ein Teil des Risikos längst real geworden ist.
Meinung: Aus der Beratungspraxis: Für Beitragszahler ist es unabhängig vom Umlage- oder Kapitaldeckungsprinzip schlicht ärgerlich, wenn Gelder, die eigentlich für die Gesundheitsversorgung gedacht sind, durch mangelhafte Sorgfalt bei der Geldanlage gefährdet werden. Das rechtfertigt eine kritische Nachfrage bei der eigenen Krankenkasse, aber keine pauschale Handlungsempfehlung.
Passend dazu: Was ist eine Alterungsrückstellung?